“Artists & Agents” – Kunsthalle Zürich (100 Ways of Thinking)

“Artists & Agents” bei „100 Ways of Thinking“ (Kunsthalle Zürich)

kuratiert von Inke Arns, Kata Krasznahorkai und Sylvia Sasse,

25.08.201804.11.2018

 

1) „Die Tür“

„Die Tür“ – Fotoserie mit 25 Fotos vom Eingang von Gabriele Stötzers „Galerie im Flur“ in Erfurt aus dem Staatssicherheitsarchiv (MfS BV Erfurt AOPK 1083-91 BA Band 2 Seite 5 Bild 2)

Fotoserie mit 25 Fotos vom Eingang von Gabriele Stötzers „Galerie im Flur“ in Erfurt aus dem Staatssicherheitsarchiv (MfS BV Erfurt AOPK 1083-91 BA Band 2 Seite 5 Bild 1-25), Auszüge aus dem Dossier „Toxin“.

Die Fotoserie wurde von einem Spitzel, d.h. einem inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR, aufgenommen und zeigt den Eingang in die „Galerie im Flur“, die die Künstlerin und Schriftstellerin Gabriele Stötzer zwischen 1980 und 1981 in Erfurt privat geführt hat. Die Galerie wurde 1981 von der Stasi „liquidiert“.

Stellt man diese Fotos heute aus, wird aus dem Foto, das der Stasi als Dokument für die negativen gesellschaftlichen Auswirkungen der Galerie dienen sollte, ein Dokument für die ängstliche Perspektive der Stasi. Zu sehen sind dann nicht einfach Besucher der Galerie, sondern ausgestellt wird die Beobachtungsperspektive der Stasi selbst, der Blick auf die inoffizielle Kunstszene. Wie die Stasi konkret agierte, um die Galerie zu „liquidieren“, zeigen die Akten aus dem gegen Gabriele Stötzer 1979 eröffneten „Operativen Vorgang“ unter dem Decknamen „Toxin“.

Excerpts from the dossier ‘Toxin’ from the State Security Service Archive (MfS BV Erfurt AOPK 1083-91 BA Volume 2 Page 5 Images 1–25)

This photo series was taken by an informant – in other words, an unofficial employee of the State Security of the GDR. It shows the entrance to the ‘Galerie im Flur’ (Gallery in the Hallway), run privately by artist and author Gabriele Stötzer in Erfurt between 1980 and 1981. The gallery was ‘liquidated’ by the Stasi in 1981.

These photos, which the Stasi saw as a record of the negative societal impact of the gallery, become a record of the Stasi’s fearful outlook when exhibited today. The photos not only show the visitors to the gallery, they also capture the Stasi’s own surveillance initiative; their view of the unofficial art scene. The concrete way in which the Stasi responded, namely by ‘liquidating’ the gallery, is documented in the ‘operational procedure’ opened against Gabriele Stötzer in 1979 under the alias ‘Toxin’.

2) Gabriele Stötzer, „Winfried“ (Fotoserien 1985)

 

Gabriele Stötzer, „Winfried“ (Fotoserie 1985)

1985 hat die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer eine vielschichtige Fotoserie mit Winfried, einem Transvestiten, angefertigt. Was sie zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Winfried war inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR. Er wurde geschickt, um die Fotoperformance in Richtung Pornographie zu radikalisieren und für einen möglichen Anklagepunkt gegen Stötzer zu sorgen. Winfried verkörpert die Doppelrolle von Künstlern und Agenten in explizierter Weise, denn er war nicht nur hingebungsvoller Agent, sondern auch ein talentierter Performer. So kam es dazu, dass wir heute eine der prägendsten und schillerndsten Fotoperformances aus der Zeit der DDR ausstellen können, die Stasi aber ihr eigentliches Ziel nicht erreicht hat.

Gabriele Stötzer ist Künstlerin, Dichterin, Performerin. Für ihre Verdienste zur Aufarbeitung der SED-Diktatur erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Fotoarbeiten und Super 8-Filme werden international gezeigt. 2013 kuratierte sie zudem die Ausstellung Zwischen Ausstieg und Aktion. Die Erfurter Subkultur der 1960er, 1970er und 1980er Jahre in der Kunsthalle Erfurt. Sie lebt und arbeitet in Erfurt. Zuletzt erschien „das brennen der worte im mund“ (2017).

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In 1985, the Erfurt-based artist Gabriele Stötzer created a multi-faceted photo series with Winfried, a transvestite.

What she didn’t know at the time is that Winfried was an unofficial employee of the State Security of the GDR. He was tasked with turning the photo performance more in the direction of pornography and with developing grounds on which Stötzer could be charged with a crime. Winfried embodied the double role of artist and secret agent in an explicit way; he was not only a dedicated agent, but also a talented performer. In the end, the Stasi was unsuccessful in their attempt. Now, we’re now able to exhibit one of the most definitive and spectacular photo performances from the days of the GDR.

Curated by: Inke Arns, Kata Kraznahorkai, and Sylvia Sasse

Gabriele Stötzer is an artist, poet, and performer. In 2013, she received the Order of Merit of the Federal Republic of Germany in honor of her contribution to the reappraisal of the communist dictatorship.

 

3) „Artist and Agents“ – ein Workshop, 13.-14.09.2018

 

Aktenstapel, Foto. Kata Krasznahorkai

Der „Fall Julia Kristeva“ hat jüngst erneut vor Augen geführt, dass das Lesen von Staatssicherheitsakten eine anspruchsvolle Aufgabe ist. Diese Akten geben keine Fakten wieder, sie sollten vielmehr Fakten schaffen. Im Workshop stellen SpezialistInnen aus ganz unterschiedlichen Ländern Osteuropas und Lateinamerikas ihre Forschung in ehemaligen Staatssicherheitsarchiven vor und zeigen, inwiefern man Geheimdienstarchive auch als Kunstarchive lesen kann. Wie haben Spitzel die Kunstszene, insbesondere Performances, Happenings und Aktionen fotografisch dokumentiert? Wie haben Spitzel über Aktionen und Happenings diskutiert? Was sagt ihr Blick auf die Kunstszene über die Angst des Staates vor Künstlern aus? Wie „performativ“ war die Stasi, wie hat sie künstlerische Aktionen durch das Einschleusen von AgentInnen und durch Gegenaktionen manipuliert? Wie haben KünstlerInnen mit der Stasi als Schatten agiert, wie haben sie den potentiellen und konkreten Blick der Stasi in ihre Arbeiten einbezogen? Wie arbeiten KünstlerInnen nach 1989 mit dem von den Geheimdiensten geschaffenen Material?

The “case of Julia Kristeva” has recently drawn our attention to the fact that reading records kept by the state security is a challenging task. These records don’t reflect facts; the have much more to do with creating facts.

In this workshop, specialists from various countries in Eastern Europe and Latin America will present their research into archives of former state security agencies. In the process, they will show to what extent the archives of secret police can be understood as archives of the arts. Was does informants’ photographic documentation of the art scene, especially performances, happenings, and actions, look like? How did informants speak about the actions and happenings? What does their view of the art scene say about the state’s fears regarding artists? How “performative” was the Stasi? How did it manipulate artistic actions by planting secret agents and through counteractions? How did artists respond to the Stasi’s presence in the shadows? How did they incorporate the potential and concrete perspective of the Stasi into their works? Since 1989, how have artists worked with the material that the secret police collected on them?

Program

13.9. 2018

10-11h: Kata Krasznahorkai (Zürich): “State Security Files in Performance Research. Chances, Pitfalls and Risks“

11-12h: Inke Arns, Kata Krasznahorkai, Sylvia Sasse: Introduction in the exhibition and book project,  guided tour through the exhibition part “Artist & Agents” with Gabriele Stötzer

12-13.30h  +++ Break +++

13.30-14.30h: Tamás Szőnyei (Budapest): “File under: Subculture and Surveillance – The not so chance Meeting of Underground Music and Secret Service in the Hungarian Archives”

14.30-15.30: Caterina Preda (Bucharest): “The Surveillance of Artistic Performance by the Securitate in Romania in the 1970s and 1980s”

+++ Coffee Break

16.00-17.00h: Anna Krakus (Los Angeles): “Did the SB Have a Sense of Humor?”

17.00-18.00: Anne König (spector books, Leipzig): How to produce the book on “Artists & Agents”?

19h: Gabriele Stötzer and Sylvia Sasse in conversation (in German): “Stasidada”

 

14.9. 2018

10-11h: Sylvia Sasse (Zürich): “Performative Censorship – the Performances of the Agents”

11-12h: Elisabeth Pichler (Braunschweig): “Artistic Reenactments of Stasi exercises: Wermke /Leinkauf”

12-13.30h +++Break+++

13.30-14.30h: Liliana Gomez-Popescu (Zürich): The Archives of the Operation Condor. Dissonant Narratives in the Works by Paz Encina and Voluspa Jarpa

14.30-15.30h: Anikó Szűcs (Haverford/Philadelphia): “Living Room Performances: The Politics and Aesthetics of Eastern European Apartment Theatres in the 1970s and 1980s”

 

4) Titel: „Stasi-Dada“. Gespräch mit Gabriele Stötzer, 13.09.2018, 20:00 Uhr

Moderation: Sylvia Sasse

Gabriele Stötzer, „U-Haft“ (1990). Foto: Bernd Hiepe

Gabriele Stötzer gehörte in der DDR zu den KünstlerInnen und SchriftstellerInnen, die im Auftrag der Stasi jahrelang beobachtet wurden und „zersetzt“ werden sollten. Heute „zersetzt“ die Künstlerin das von der Stasi erschaffene Material, indem sie es „dadaisiert“. Ihre Akte umfasst mehrere tausend Seiten „Sachstandsberichte“ von Führungsoffizieren, Beobachtungsprotokolle von über zwanzig verschiedenen Inoffiziellen Mitarbeitern (IMs), konfiszierte Briefe, Beobachtungsfotos, Skizzen ihrer Wohnung, ihrer privaten „Galerie im Flur“ und Protokolle der Überwachung des Freundeskreises. Kurz nach der Wende, am 4. Dezember 1989, besetzte sie in Erfurt mit anderen KünstlerInnen und AktivistInnen die Stasizentrale und sorgte dafür, dass die von der Stasi begonnene Aktenvernichtung gestoppt wurde. Sie war auch eine der ersten, die Ausschnitte aus ihrer umfangreichen Akte zur Veröffentlichung freigegeben hat. Wir sprechen mit Gabriele Stötzer über die Zeit der Bespitzelung, über ihre künstlerische Arbeit im Underground und über die Lektüre und die künstlerische Rückaneignung von Stasiakten.

In the days of the GDR, Gabriele Stötzer was one of the many artists and authors who were watched, for years, as well as ‘demoralized’ by order of the Stasi. Today, she works to ‘demoralize’ the material that the Stasi collected by ‘dadaizing’ it.

The file kept on her consists of thousands of pages of ‘assessment reports’ filled out by intelligence agents, observational protocols from more than twenty different unofficial employees, confiscated letters, surveillance photos, sketches of her apartment, of her private ‘Galerie im Flur’ (Gallery in the Hallway), and protocols concerning the surveillance of her circle of friends. On 4 December 1989, shortly after the fall of the Berlin Wall, she and a number of other artists and activists occupied the Stasi headquarters in Erfurt and ensured that the Stasi would not be allowed to continue destroying the records they’d kept. She was also one of the first people to allow excerpts of the exhaustive records kept on her to be published. We will speak with Gabriele Stötzer about that time, about spying, about her artistic work in the underground, and about reading and re-appropriating Stasi records.

 

Kuratiert von Inke Arns, Kata Krasznahorkai und Sylvia Sasse

Inke Arns ist seit 2005 künstlerische Leiterin des HMKV (Hartware MedienKunstVerein) in Dortmund. Seit 1993 arbeitet sie als freie Kuratorin und Autorin mit den Schwerpunkten Medienkunst und -theorie, Netzkulturen, Osteuropa.

Kata Krasznahorkai ist Kuratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am ERC-Projekt „Performance Art in Eastern Europe 1950-1990. History and Theory“ am Slavischen Seminar der Universität Zürich.

Sylvia Sasse ist Professorin für Slavistische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich, Mitbegründerin des ZKK (Zentrum Künste und Kulturtheorien), Mitherausgeberin von „Geschichte der Gegenwart“, Autorin und Kuratorin.